Sonntagmorgen in einer Ferienwohnung.
Ich habe mich für ein paar Tage hier einquartiert, um – ja, was eigentlich? Ich hatte keinen bestimmten Plan, warum ich hierher wollte. Ich wollte eine schöne Wohnung für ein paar Tage, etwas Grün drumherum, kleine Ausflugsmöglichkeiten, etwas Ruhe, Zeit mit mir allein. Und so habe ich die ersten zwei Tage verbracht: ankommen, umschauen, etwas spazieren. Ich habe viel geschlafen und bin ausschließlich meinen eigenen Impulsen gefolgt.
Was für ein Luxus in der heutigen Zeit. Kein Aufräumen, kein Organisieren, keine Termine, kein Irgendwas-Müssen. Das braucht erstmal ein, zwei Tage, damit es wieder da sein kann.
Heute nach dem Frühstück habe ich schon die ersten Pläne geschmiedet, was ich heute machen wollte. Ich hatte gelesen, dass etwa 30 Minuten entfernt in einem Museum ein „Tag der offenen Ausgrabung“ stattfindet. Man kann dort den Archäologen ein wenig bei ihrer Arbeit zuschauen.
Prima, dachte ich, das gefällt dir, das wäre doch etwas.
Doch es kam natürlich alles anders als geplant.
In dieser wunderschönen, kleinen Wohnung gibt es eine Wendeltreppe, die die untere Ebene mit den Schlafräumen oben verbindet. Sie ist aus Metall und die Stufen sind ziemlich schmal. Heute Morgen schaute ich sie mir aus einem Impuls etwas genauer an. Ich hatte nämlich gestern schon festgestellt, dass der Handlauf zu eng an der Wand entlangführt, man kann ihn beim Aufstieg nicht richtig greifen. Wenn jemand etwas ungelenker unterwegs ist, könnte das durchaus problematisch sein. Ich sah also nach dem Frühstück genauer hin: Neben dem Problem mit dem Handlauf sah ich, dass oben am Austritt zum Höhenausgleich kleine Holzklötzchen unterlegt waren. Funktioniert – aber ich hörte schon meinen Vater in meinem Kopf, der sein Leben lang im Treppenbau tätig war: Das ist aber nicht nach VOB … ;-). Dann entdeckte ich oben noch den recht breiten Spalt zwischen Treppe und Boden. Wieder seine Stimme: Das wird so sicherlich nicht abgenommen! Ich schmunzelte. Dazu die sehr schmalen Stufen und die fehlende Handlauf-Strebe …
Aber: Sie sieht wirklich sehr gut aus! Und funktioniert auch irgendwie.
Der Tisch, an dem ich jetzt sitze, ist in der Ecke unter dieser Wendeltreppe, ich habe sie also die ganze Zeit im Blick. Und in der Stille und Ruhe hatten meine Gedanken Zeit für ihre eigene Reise, treppauf und treppab …
Mein Papa hat zum Ende seines Lebens oft gesagt: „Das ist mein Weg.“
So eine Wendeltreppe kann dann noch eine ganz andere Bedeutung bekommen – besonders mit dem Hintergrund seines Berufs, der stets im Mittelpunkt seines Lebens stand. Ich habe natürlich ganz automatisch viel davon mitbekommen – wie alle in unserer Familie.
Bisher habe ich die Treppe an sich vorwiegend mechanisch betrachtet, als Konstruktion.
Sie ist ein Mittel, um Ebenen zu überwinden. Sie sollte bestimmte Eigenschaften haben, damit das gefahrlos vonstatten gehen kann. Ich habe damals während meines Praktikums auch einige grundsätzliche technische Feinheiten mitbekommen, die dafür notwendig sind – und natürlich sind mir auch die berühmten Bauvorschriften immer noch gut im Ohr. Ich erinnere mich, wie sehr er sich damals damit auseinandersetzen musste und die Texte studiert hat.
Doch heute kamen andere Impulse.
Eine Treppe verbindet Ebenen. Eine Wendeltreppe aber dreht sich dabei – wie ein Wirbel, eine Spirale oder auch wie unser Kosmos.
In ihrer Mitte steht eine tragende Säule, an der die Stufen, die einzelnen Schritte, aufgehängt sind. Ist diese Säule nicht stabil, wackelt der gesamte Weg.
Und sie führt in beide Richtungen: in die Höhe, wo der Blick weiter wird, und in die Tiefe, in die tieferen Schichten des Verstehens.
Und selbst wenn nicht jede Bauvorschrift hundertprozentig eingehalten wurde, eine Strebe fehlt oder der Abstand zum Bodenanschluss etwas zu groß ist: Mit etwas Achtsamkeit funktioniert sie trotzdem. Ein bisschen Abenteuer darf im Leben schließlich auch dabei sein.
Und manchmal merken wir auf dem Weg nach oben, dass wir eigentlich noch einmal hinuntermüssen.
Und so sitze ich nun am Fuß der Treppe, in der Tiefe. Und lasse die Ausgrabungen anderer die Ausgrabungen anderer sein.
Denn meine eigene Tiefe ist gerade hier.
Später gehe ich dann vielleicht wieder nach oben und schaue, was der Himmel zu bieten hat.
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