Ein Taschentuch in der U-Bahn
Hamburg.
In der U-Bahn.
Mein Partner und ich sitzen auf einem Vierersitz – ich am Fenster, er neben mir.
Mir gegenüber sitzt eine junge Frau. Sie hat diese dicken Kopfhörer auf, die wie Ohrenschützer wirken. Unter dem Bügel quellen wuschelige, aschblonde Haarsträhnen hervor und stehen ungekämmt in alle Richtungen. Der Schal ist hoch um ihren Hals gewickelt und die Jacke hängt locker an ihr herab. Dazu ein verwaschenes Shirt und eine olivfarbene Cargohose. Die Hände ruhen gefaltet im Schoß, der Blick verliert sich im Nichts. Sie scheint dem zu lauschen, was aus ihren Kopfhörern kommt.
Ich nehme all das eher aus dem Augenwinkel wahr, weil ich Menschen nicht gern anstarre.
Doch irgendetwas an dem, was sie hört, verändert sie. Ihr Blick wird immer trauriger.
Für einen Moment kreuzen sich unsere Augen. Ich schenke ihr ein schiefes Lächeln. Sie versucht zurückzulächeln, bevor ihr Blick wieder ins Dunkel hinter den Fenstern wandert.
Ich sehe mich in der vollen Bahn um. Doch aus dem Augenwinkel behalte ich sie im Blick. Es geht einfach nicht anders.
Denn ich spüre, ohne hinzusehen, dass sie tief traurig ist. Es ist wie eine Gefühlswolke, die zwischen uns entsteht, wie eine Art Watteball, der sich bis in meinen Bauchraum ausbreitet – der aber nicht zu mir gehört. Mein ganzer Körper ist voll von diesem Gefühl. Und ich weiß jetzt, wie es ihr geht.
Als ich wieder zu ihr hinübersehe, stehen Tränen in ihren Augen. Sie sammeln sich am unteren Lidrand, kurz davor überzulaufen.
Sie bemerkt meinen Blick und sieht mich an.
Ich lächle vorsichtig und frage lautlos:
„Are you okay?“
Sie nickt. Lächelt.
Und dann lösen die Tränen endlich und laufen ihr über die Wangen. Tapfer lächelnd wischt sie sie hastig fort.
Ich lächle zurück.
Krame in der Tasche und reiche ihr ein Taschentuch.
Ihr Gesicht hellt sich auf. Sie nimmt es entgegen, trocknet ihre Tränen, putzt sich die Nase und nickt dankbar. Immer noch mit diesem tapferen Lächeln.
Die Bahn hält, wir stehen auf.
Zum Abschied winke ich ihr noch einmal zu, dann gehen wir hinaus.
Zurück bleibt ein Blick, ein Taschentuch und dieser warme Moment zwischen zwei fremden Menschen, die für einen Augenblick einfach füreinander da waren.
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