
Es ist mal wieder an der Zeit, etwas Bilanz zu ziehen. So allgemein, in meinem Leben.
Ich nehme dich heute ein Stückchen mit in meinen Alltag – und auch in meine Gedanken und Erkenntnisse.
Denn der Alltag ist oft der größte Lehrmeister.
Komm mit, wenn du magst.
Meinen Lebensunterhalt bestreite ich aktuell mit einer Teilzeitstelle. In der anderen Hälfte der Woche bin ich selbstständig bzw. freiberuflich tätig. Die Umstellung von einer 40-Stunden-Woche auf dieses Modell habe ich vor etwa drei Jahren vorgenommen. Das hat damals tiefe innere Prozesse in Bewegung gesetzt, da ich aus dem alten Leistungsmodell ein Stück weit ausgestiegen bin.
Zum Glück habe ich einen Partner, der mir in diesen Dingen ruhig und stark zur Seite steht.
Nach einigen Ausbildungen, teils offiziell, teils selbst gewählt, und anfangs guten Auftragslagen ist es seit der KI-Explosion in meinen selbstständigen Arbeitsbereichen extrem ruhig geworden.
Das macht natürlich nachdenklich.
Ich bin jedoch nicht untätig gewesen, habe immer wieder neue Wege und Ideen ausprobiert. Aber nichts will richtig Fuß fassen. Kein Wunder – in der momentanen Lage ist so vieles im Umschwung: die Wirtschaft, die Geschäftswelt, die Internetwelt – und dazwischen der Mensch, der versucht, irgendwie mit allem Schritt zu halten. Und gelegentlich mal die Orientierung und den eigenen Halt verliert.
Und so geht es auch mir gerade. Es fühlt sich wieder einmal an, als stünde ich allein auf einem weißen Blatt Papier. Meine bisherigen Tätigkeitsfelder sind über die Ränder „abgeflossen“, wie Wasser. Ich konnte es nicht aufhalten. Man sieht noch ihren dünnen Film auf der Blattoberfläche. Aber ich kann sie nicht mehr greifen oder anfassen.
Am Rand dieses Blattes Papier sehe ich jedoch viele Menschen wild schreien und gestikulieren – sie strecken ihre Arme aus nach mir, wollen mich packen. Sie haben Angebote für mich, wie ich Geld verdienen kann, schnell und einfach, wenn ich nur kurz ihr Programm dazu buche. Alles geht ganz leicht und ihre Methode ist DER Schlüssel zum Glück und zur Freiheit.
Manche schreien auch nicht. Sie schauen dich nur an, strahlen eine kalte Ruhe und Selbstsicherheit aus und geben dir das Gefühl: Mensch, du bist wirklich dumm, wenn du das nicht machst, was ich dir anbiete. Selber schuld, wenn du dein Glück ablehnst.
Jeder von ihnen hat so seine Methoden entwickelt, um mich irgendwie emotional zu packen.
Aber mein Blatt Papier ist zum Glück groß genug, sie können mich nicht greifen.
Und doch sehe ich die Angst und Verzweiflung in ihren Augen, hinter ihrer bunten oder auch kalten Maskerade – und wie sie immer grauer und löchriger werden. Sie sinken immer tiefer ab, immer weiter unter die Kanten meines weißen Blattes.
Ich weiß, dass sie bald vom Horizont verschwunden sind.
Und was ist dann, wenn es wieder still ist?
Ich sehe noch nicht, was um mich herum, außerhalb meines Papiers, ist.
Alles ist weiß. Das Papier, das Drumherum – und das Danach.
Freiheit.
Freiheit? Kann ich das?
So ein leeres Blatt Papier und fehlende „Schreihälse“ drumherum werfen einen ganz schnell zurück auf sich selbst. Ganz natürlich kommen Fragen auf – wenn man nicht mehr abgelenkt ist von äußerem Bling-Bling.
Wo liegt der Hase im Pfeffer, was hätte ich gern anders?
Warum klappt es nicht? Was denke ich eigentlich so den ganzen Tag über mich?
Woher kommen diese Gedanken?
Und genau da sitzt bei mir momentan das große Potenzial, dem eigentlichen Kern näherzukommen. Es sind die alten Glaubenssätze.
Es ist mein Papa, der mich innerlich immer noch fragt:
„Und, lohnt sich das, was du da machst? Kommt etwas dabei herum?“
„Machst du deinen Job gut?“
„Oder bist du zu teuer, fällst du nur zur Last?“
Er wusste immer, was ich kann.
Er wollte, dass ich mein Bestes gebe, damit es mir gut geht. Damit ich auf eigenen Beinen stehen kann. Er hat es so gelernt – und an mich weitergegeben.
Nun, lieber Papa.
Die Zeiten sind heute anders.
Ich muss nicht mehr nach dem alten Leistungsbild leben, das du kanntest. Ich bin eine Frau, die auch weich sein darf. Ich darf empfangen, ohne vorher leisten zu müssen.
Du darfst mich immer noch sehen. Aber du darfst den Posten meines inneren Beobachters verlassen.
Und ich darf deinen Traum zu dir zurückgeben.
Und ich darf zurückfinden zu meiner eigenen Freiheit und meinem inneren Frieden.
Schritt für Schritt.
Mit den ersten zarten neuen Strichen auf meinem eigenen Blatt Papier.
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