
Vielleicht erinnerst du dich, dass ich schon einmal einen Artikel über die Zeit geschrieben habe. Diese beschäftigt mich immer wieder – und immer wieder verschieden. In dem Beitrag habe ich den gregorianischen Kalender erwähnt und dort auch den Papst Silvester, nachdem der 31.12. benannt worden ist – und uns allen so diesen „Feiertag“ beschert hat.
Es scheint aktuell ein kollektives Thema zu sein, sich mit der Zeit und ähnlichen Themen zu beschäftigen, denn es taucht an verschiedenen Ecken immer wieder auf. Gerade gestern las ich auf Facebook bei Robert Wagner einen Artikel speziell zu Silvester. Ich wusste zwar bereits, dass dieser Tag künstlich gesetzt wurde, aber seine Betrachtungsweise öffnete mir noch einmal anders die Augen.
Wer ist Robert Wagner?
Robert Wagner schreibt regelmäßig Beiträge auf Facebook, die sich vorrangig um Gesundheitsthemen drehen. Er schaut jedoch weit tiefer als die Schulmedizin – nicht, weil er sich für besonders toll hält, sondern weil er es lernen musste. Er hat Long-Covid mit sehr vielen verschiedenartigen Symptomen und wurde vom System fallengelassen. Daher hat er alles Mögliche ausprobiert („try and error“), sehr viel gelernt und seinen Heilungsweg gefunden – den er nun mit seiner Leserschaft teilt. Natürlich geht es da auch um mentale Gesundheit – und auch um weitgreifende Themen, die unsere Gesellschaft betreffen und uns unterschwellig irritieren können, oft ohne, dass wir es ahnen.
In seinem Beitrag über Silvester erwähnte er ebenfalls den entsprechenden Papst und das künstlich gesetzte Datum. Doch er beließ es nicht dabei, sondern nannte „das Kind beim Namen“ und ging weiter hinein in die Begründung für das heutige Tamtam um dieses künstliche Datum – und in die Konsequenzen für die Menschen.
Ich möchte hier gar nicht alles wiedergeben, sondern mich auf die Essenz konzentrieren, die ich für mich herausziehen konnte: Silvester wurde als festgelegtes Datum in eine Phase des Jahres gesetzt, die ursprünglich eine absolute Ruhephase war (Stichwort zum Weiterforschen: 13ter Monat). Es geschah zu dieser Zeit rein gar nichts. Die Landarbeiten ruhten, draußen war es früh dunkel, die Menschen hatten Zeit zum Ausruhen und zur (inneren) Einkehr. In dieser Ruhephase konnte der Mensch regenerieren und reflektieren – und ganz wichtig: Dinge zu Ende bringen, ohne sie gleich mit neuen Aufgaben oder Themen zu überlagern. Themen konnten ausklingen. Leere entstand. Aus dieser Leere konnte Neues entstehen und langsam und natürlich heranwachsen – ohne gleich von anderer Konkurrenz übertönt oder überlagert zu werden.
Alles konnte ausatmen – um dann kraftvoll wieder einzuatmen.
Wie ist es heute?
Genau in dieser Ruhephase liegt Silvester. Weihnachten ist inzwischen ja auch kein Fest der Besinnung mehr, sondern wir werden bereits Monate vorher vollgestopft mit Werbung, BlingBling, Bildern von zu kaufenden Geschenken, Dekoration, Werbung von übertriebener Harmonie. Ab September stehen schon die Dominosteine in den Regalen – und müssen gekühlt werden, damit sie im „Golden Summer“ nicht schon davonschmelzen. Das Fest will vorbereitet sein, das Haus geputzt und dekoriert, die Geschenke sorgfältig ausgewählt und verpackt, alles muss perfekt organisiert sein. Verpflichtende Treffen mit der Familie – ob man sie nun mag oder nicht.
Was für ein Stress.
Und dann sind alle froh, wenn die Tage vorbei sind. Ruhe wäre dringend nötig, um allein dieses über die Jahrhunderte enorm aufgebauschte „Konstrukt“ zu verarbeiten.
Doch dann steht auch schon Silvester vor der Tür. Das nächste Fest, an dem man bitte am besten nicht allein bleibt, sondern in Gesellschaft feiert. Also wieder ein Fest vorbereiten mit all den Vorbereitungen, wie wir sie schon zu Weihnachten gemacht haben – oder irgendwo hingehen und dort ein Fest feiern.
Doch welches Fest denn eigentlich?
Hinter Silvester liegt kein historisches Ereignis (wie z. B. die Geburt Christi – aber selbst hier gibt es Diskussionen über das „richtige“ Datum) oder eine besondere astronomische Konstellation oder ein Ereignis in unserer Natur. Es ist einfach: nichts dahinter.
Es hat vor einigen hundert Jahren jemand festgelegt, dass hier unser aktueller Kalender endet. Die Einteilung erfolgte in 12 Monate (anstatt 13), weil es sich damit besser rechnen lässt. Papst Silvester sollte geehrt werden, er starb am 31.12. 335 n. Chr. – und der letzte Tag des Jahres wurde nach ihm benannt.
Das ist auch schon alles.
Und bei mir?
Als ich noch Teenager war (und die Jahre danach), war Silvester natürlich ein wichtiges Datum. Aber da ging es mir vorrangig darum, dass es eine coole Party gab, man sich mit Freunden traf, ein paar Böller und Raketen in die Luft jagte (durfte man ja sonst nicht im Jahr) und gemeinsam etwas tanzte und etwas trank. Juhu.
Über die Jahre verlor ich doch immer mehr das Interesse an diesem Tag. Ich dachte zunächst, es läge einfach daran, dass ich älter wurde. Allerdings gehe ich auch heute noch gern tanzen, trinke aber nicht mehr dabei und naja, es ist halt auch nicht mehr jedes Wochenende J.
Doch Silvester wurde irgendwie immer fader, es fühlte sich hohl an. Es strengte mich an, dass man immer „etwas machen“ sollte – und sei es nur ein Treffen mit Freunden. Ich habe es oft mitgemacht, wollte dann aber meistens kurz nach 1 wieder heim.
In diesem Jahr war es anders.
Der gelesene Artikel hat mich erinnert, dass Silvester künstlich geschaffen wurde, um uns Menschen in einem Dauerzustand der Beschäftigung zu halten. Damit wir nicht zur Ruhe kommen können, sondern einfach weitermarschieren wie eine Maschine. Damit wir nicht innehalten können, nachdenken, unsere Dinge und Themen abschließen können, damit aus unserem eigenen Inneren heraus etwas Neues entstehen kann. Wir werden wie eine Stopfgans mit den nächsten Aktivitäten „bestückt“: mit neuen Vorsätzen, die es zu erfüllen gilt, obwohl die alten Themen noch nicht einmal fertig sind. Mit Urlaubsplanungen für das neue Jahr, obwohl die alten Urlaube innerlich noch nicht richtig bei uns Einzug gehalten haben – sondern schon wieder vergessen sind. Diese Liste lässt sich endlos weiterführen.
Dazu noch eine gute Portion „Lärm“ in Form von Musik, Böllern, Partys und vielen Menschen um uns herum.
Mit dieser Erinnerung im Kopf war es für mich in diesem Jahr ganz leicht und richtig entspannend, einfach gemütlich zuhause zu bleiben. Kein seltsames Gefühl im Hinterkopf, dass man doch komisch ist, weil man nicht auf eine Party geht.
Stattdessen das tiefe Wissen, dass man genau das tut, was zu dieser Zeit eigentlich gut ist für uns als Menschen. Ohne Konstrukt von außen, dem man folgt. Sondern einfach das tun, was man wirklich fühlt. Ein gemütliches Essen, dann ausruhen – und zwar so, wie es jeder für sich wollte. Und nicht viel mehr.
Das unvermeidliche Feuerwerk haben wir uns von drinnen angeschaut. Es gab wie in jedem Jahr genug Menschen im Ort, die Hunderte von Euros in die Luft gepustet haben. Aber in diesem Jahr: Keine Gratulation an die Nachbarn draußen auf der Straße (wozu denn auch?), keine Wunderkerzen, keine Vorsätze. Stattdessen ein paar Gedanken darüber, was im vergangenen Jahr gewesen ist, was ein Ende gefunden hat – und was noch weiter mitgeht.
Und es war gut so.
Unsere Katzen waren froh, dass sie bei dem Krach draußen nicht alleine zuhause waren.
Ein ruhiger Tag und Abend zuhause – mit kurzer „lautstarker“ Unterbrechung draußen um Mitternacht.
Mit einem guten Gefühl für uns, dass alles richtig ist, wie es ist. Sollen die feiern, die wollen – und die nicht feiern, die nicht wollen.
Die Zeit darf wieder atmen.
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